Aus aktuellem Anlass

Heute ist der 27. Januar. Heute ist Holocaustgedenktag. Heute ist der eine Tag im Jahr, der den Opfern der Schoah gewidmet ist und ihrem Leiden in den Lagern. Heute erinnern wir uns daran was passiert ist und was nie wieder passieren soll.

Vorsicht, Triggerwarnung: AfD-Wähler und Mitglieder könnten sich angegriffen fühlen und beim Lesen das Verlangen verspüren aufzustehen und das Zimmer zu verlassen. Niemand hält euch auf. Auf Nimmerwiedersehen.

An dem Tag im Jahr, an dem wir den Opfern gedenken und die Verantwortung für die Taten unserer Großväter und Urgroßväter übernehmen, an dem Tag muss man manchen Menschen in diesem Land ein Armutszeugnis ausstellen. Hier soll nicht wieder eine Diskussion um Schuld, Verantwortung und den Unterschied zwischen den beiden Begriffen geführt werden. In diesem Artikel soll nur festgehalten werden, wie das Andenken an die Opfer des Nationalsozialismus mit Füßen getreten wird.

Vier Tage nach Charlotte Knoblochs Rede, in der sie die AfD heftigst kritisierte für ihre relativierenden und verhamlosenden Tendenzen, warnt sie in einem Focus bericht vor einer Pogromstimmung.

Screenshot von Uwe Junges Twitteraccount, 27. Januar 2019

Diese Aussage wurde von einem der AfD Politiker, Uwe Junge, zum Anlass genommen, eine Täter-Opfer-Umkehr zu konstruieren. Äußerungen dieser Partei, die Mahnmale als Schande oder den Nationalsozialismus sei ein Vogelschiss gewesen, zeigen nur wie sehr Charlotte Knobloch mit ihrer Kritik im Recht war. Andere Aussagen die auf das selbe abzielen und warum die AfD rechtsextrem ist, wurden im gestern erschienen Beitrag Selbstbetrug behandelt. Diese Täter-Opfer-Umkehr alleine ist schon eine besonders herausragende Respektlosigkeit am heutigen Holocaustgedenktag. Ausserdem muss man festhalten, es gibt Antisemitismus in der AfD und er ist nicht selten wie der AfD-Aussteiger Franz Eibl festhält (Quelle). Junges Äußerung es gäbe keinen Antisemitismus in der AfD ist also auch wieder eine Lüge. In aller Klarheit muss man sagen: An einem Tag, einem einzigen Tag im Jahr, sollen der Opfer der Nationalsozialisten in respektvoller Erinnerung gedacht und einer Wiederholung gemahnt werden. Sich selbst hier als Opfer dar zu stellen ist, meiner und vieler Anderer Meinung nach, eine unsagbare Respektlosigkeit allen Menschen und deren Nachkommen gegenüber die unter den Nationalsozialisten zu leiden hatten. Persönlich kann ich mir wenig vorstellen, das nicht in den strafbaren Bereich fällt, das respektloser wäre.

Uwe Junge schafft es diese Aussage noch um einiges unverfrorener erscheinen zu lassen, indem er die eigene Partei nicht nur als einfache Opfer erscheinen lässt, sondern gar eine Pogromstimmung gegen die Partei erkennen will. An dieser Stelle muss man sich in aller Deutlichkeit vor Augen führen, eine Partei, die öfter als man es zählen kann, den Holocaust verharmlost oder gar leugnet und gleichzeitig die Nationalsozialisten in Schutz nimmt und eine Neubewertung der deutschen Soldaten fordert, sieht sich als Opfer eines Pogroms in Deutschland. Uwe Junge setzt hier also die AfD mit den Opfern der Judenpogrome gleich, Pogrome die so schrecklich und ausufernd waren, dass sie einen eigenen Gedenktag, den 9. November, in unserem Land haben. Von einem solchen Ausmaß kann aber, bei allen möglichen und unmöglichen Zugeständnissen, nicht im geringsten die Rede sein.

Sich selbst als Opfer eines Pogroms darzustellen ist eine der wüstesten Arten das Gedenken an die wahren Opfer des Nationalsozialismus zu beschmutzen.

Screenshot des Twitterposts am 27. Januar 2019

Die einzige bis jetzt offiziell vorliegende Äußerung in den sozialen Netzwerken zu den Gedenkfeiern des heutigen Tages, ist von Prof. Dr. Jörg Meuthen, der sich beklagt, das man eine bürgerliche Partei nicht an der Gedenkfeier in Buchenwald teilnehmen lasse. In seinem Twwet bezeichnet er den Ausschluss als Ungeheuerlichkeit. Das seine Partei nur vier Tage zuvor eine Gedenkfeier verließ weil sie offen für belegbare Vorwürfe, kritisiert wurde, wird dabei mit keinem Wort erwähnt. Am 23. Januar verließen 18 von 22 AfD Abgeordneten den Saal während einer Rede von Charlotte Knobloch, welche der Partei vorwarf, durch die Verharmlosung und der Relativierung der NS-Zeit und des Holocausts dem systematischen Antisemitismus einen Vorschub zu leisten. Seit diesem Tag sieht sich Charlotte Knobloch mit Drohungen, Beleidigungen und Hass per Email und Telefon konfrontiert (Quelle).

Selbstbetrug

Samstag Morgen habe ich meinen ersten Beitrag veröffentlicht. Dieser Beitrag beschäftigte sich mit unserem Umgang mit der Erinnerungskultur. Aus aktuellem Anlass möchte ich noch einen Nachtrag, beziehungsweise eine Vertiefung, veröffentlichen. In „Die Erinnerungskultur“ ging es um die Differenzierung zwischen Schuld und Verantwortung und welche Folgen diese undifferenzierte Kritik haben kann.

KZ Dachau

Am 23. Januar 2019 hielt Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, eine Rede im Plenarsaal des bayrischen Landtages. Während dieser Rede kritisierte sie die AfD heftig, woraufhin 18 von 22 abgeordneten den Saal verließen, denn sie müssten sich diese „Hetze“ gefallen lassen. Hier dazu der Bericht des BR. Die Reaktionen darauf teilen sich in zwei Lager: totale Zustimmung und totale Ablehnung. Man kann es vereinfacht so sagen: die große Mehrheit sieht in dem Verlassen des Plenarsaales eine Herabwürdigung der Opfer, die anderen sehen eine ungerechtfertigte Kritik, der sie sich nicht stellen müssten. Es zeichnet sich ein Muster ab, schon im vergangenen September verließen sie den Bundestag (Beitrag der Welt), nachdem sie als rechtsradikal angegriffen wurde.

Die Reaktionen der AfD auf Knoblochs Rede zeigen sehr deutlich, wie diese Partei mit Kritik umgeht. Erika Steinbach unterstellt Frau Knobloch sie kenne sich nicht mit der Situation der heute in Deutschland lebenden Juden aus(Quelle). Georg Pazderski sieht in der Kritik an der AfD gar eine Spaltung der Gesellschaft (Quelle). Alice Weidel bezeichnet die Rede als geschmacklose Parteipolitik und beleidigt Frau Knobloch (Quelle). Auch die Gruppe Juden in der AfD, sehen in Knoblochs Rede eine Strategie der Regierung der sogenannten „Altparteien“ und deuten einen Nazi-Vergleich an (im gleichen Schritt in Anlehnung an Gleichschritt) (Quelle).

Konzentrationslager Ausschwitz

Im Jahr 2017, also 72 Jahre nach dem Ende der nationalsozialsitischen Diktatur, wurden 1.753 antisemitische Straftaten in Deutschland registriert (Quelle). Schnell verbreiteten AfD und das rechte Spektrum das Bild des „importierten islamischen Antisemitismus“. Der Fehler ist aber, über 90% der Straftaten kamen aus dem rechtsextremen Milieu. Unbestreitbar ist islamischer Antisemitismus ein Problem, jedoch ist er nicht die Hauptursache der wieder erstarkenden Furcht deutscher, jüdischer Mitbürger. Weiterhin werden jeden Tag in Deutschland Hakenkreuze an Gedenkstätten geschmiert, werden Hassmails verschickt, wird weiterhin von der Zionistischen Weltverschwörung fabuliert. Wir dürfen dem, egal ob muslimischen, rechtsextremen oder sonst wie gearteten, Antisemitismus nicht weiter zu sehen.

Allerdings will sich die AfD keiner Kritik stellen. Kritik  an  der  Partei,  egal wie sachlich vorgebracht oder wie gerechtfertigt sie ist, wird meistnur durch wüstes Widersprechen oder reines Leugnen abgeschmettert.

Darf man die AfD als rechtsextreme Partei bezeichnen? Ja, man darf. Der Anwalt Christian Löffelmacher erstritt dieses Recht vor Gericht und veröffentlichte das Urteil bei Twitter (Quelle). Ein gerichtliches Urteil das Unterlassungsklagen vorwegnehmen soll, sagt allerdings noch nicht aus wie rechtsextrem diese Partei ist. Das beweisen dafür die Mitglieder dieser Partei selbst. Wenn man sich dafür einsetzt, das völkisch wieder ein positiver Begriff wird, man Hitler „nicht so böse“ nennt, man Wehrmacht und SS im Nachhinein in Schutz nimmt, man eine „Erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ fordert und den Nationalsozialismus als Vogelschiss in der Geschichte bezeichnet, relativiert man damit die von dieser Diktatur ausgeübten Gräueltaten (Quellen 1 und 2). Des Weiteren, im Gegensatz zu Meuthens Behauptung in der Partei gäbe es keine Rechtsextremisten, muss man sagen, das Heinrich Kalbitz, früheres NPD- und Republikaner-Mitglied, sowie auch Mitglied im rechtsextremen Netzwerk „Witikobund“ (Quelle) ist nur eines der populäreren Beispiele. weitere Beispiele sind viele ehemals offene Rechtsextremisten die öffentlich an Kundgebungen der AfD teilnehmen (Quelle). Rechte und die AfD marschierten zusammen in Chemnitz im letzten Jahr (Quelle). Das Benutzen der weißen Rose als Symbol ist ein Affront gegen alle die sich gegen Rechtsextremismus einsetzen, steht es doch eigentlich für die Geschwister Scholl, Opfer des sooft verharmlosten Nationalsozialismus.

Kann eine Partei die sich öffentlich mit rechtsextremen Kräften zusammen schließt, dies verleugnet und selbst keine Rechtsextremen in der eigenen Partei erkennt, sowie ständig den Nationalsozialsmus und Holocaust zu Teilen leugnet oder herunterspielt, kann diese Partei wirklich behaupten gegen Antisemitismus zu sein oder für das Gedenken an die Opfer einzustehen?

Symbol für die Geschwister Scholl

Die AfD gibt sich als Partei des kleinen Mannes und kämpft doch gegen Ihn. Die AfD zieht Rechte der rechtsäußeren Splitterparteien an und setzt sie in Schlüsselpositionen. Die AfD arbeitet seit Jahren daran den Nationalismus und Rassismus wieder in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. Sie gibt Menschen eine Stimme, die nicht als Rassisten gesehen werden wollen, aber eigentlich rassistische Tendenzen aufweisen. Sie fördern den Selbstbetrug der Menschen indem sie immer wieder stur an ihren Lügen festhalten und diese damit Gesellschaftsfähig machen. Jede, wahrscheinlich wissentlich, falsche Behauptung welche die AfD aufstellt, ist in den Köpfen einiger Menschen. Die Gegendarstellungen der Medien, der Parteien und Organisationen werden danach nur noch als falsch abgetan. Das Schlimme daran: es verfestigt sich nach und nach das Bild in den Köpfen der Menschen, alleine die AfD würde die Wahrheit sagen, die aber gerade die Lügen verbreitet. Das Vertrauen in die Medien schwindet, denn es wird immer wieder von einer lautstarken Minderheit unterminiert. Das Gleiche geschieht mit den etablierten Parteien. Es wird eine Lage der Gefahr heraufbeschworen und die tatsächliche Situation als schlimmer dargestellt, als es eigentlich ist. Alles mit dem Ziel den Staat als volksfeindliches System dar zu stellen und sich selbst als einzige Lösung zu etablieren. Gleichzeitig ignoriert man einfach jede Kritik oder stellt sie gar als Verschwörung gegen sich selbst dar. Die Verdrehung der Wahrheit und das konstante Lügen dieser Partei ist Selbstbetrug wie er im Buche steht.

Die Erinnerungskultur

Meine Generation, also Menschen in Ihren Zwanzigern, werden heut zu Tage immer öfter mit der Aussage konfrontiert, sie hätten keine Verantwortung für den Holocaust. Wie sollte man mit solchen Aussagen umgehen?

„Du warst doch gar nicht dabei, was kannst du also dafür?“ „Man kann von euch wirklich nicht verlangen, dass ihr euch schuldig fühlen müsst.“ „Immer werden wir als die bösen Nazis dargestellt im Ausland.“ und der absolute Klassiker: „Ich bin ja kein Nazi, aber …“
Stimmt, ich persönlich bin 1989 geboren. Ich war tatsächlich nicht persönlich am Holocaust beteiligt, sogar amtlich bestätigt mit einer Geburtsurkunde. Trotzdem sage ich und das ist mir wichtig, dass ich eine persönliche Verantwortung dieser Thematik gegenüber als Deutscher habe.

Holocaust-Denkmal in Berlin

Persönliche Verantwortung, das ist der kleine aber feine Unterschied. Eine Schuld, gar ein Schuldkult, ein „Mahnmal der Schande im Herzen der Hauptstadt“ oder das der Nationalsozialmus nur ein Vogelschiss in der Geschichte gewesen wäre, diese Ausdrücke zeichnen ein auf vielen Ebenen ein falsches Bild der Tatsachen. Ein falsches und damit Brandgefährliches Bild, das uns jetzt schon davor warnen sollte, in welche Richtung sich unsere Gesellschaft entwickelt.

Unabhängig davon, ob man den Holocaust als Ganzes leugnet, die Zahlen herunterspielt oder sich weigert eine Verantwortung dafür zu tragen. Es ist eine Relativierung. Eine Relativierung nicht nur des Holocausts, sondern des Nationalsozialismus selbst. Ein System das in so einem unglaublichen Ausmaß menschenverachtend war, dass es das Böse nicht mehr als rein menschliche Eigenschaft einiger Täter erscheinen ließ, sondern zu der Eigenschaft einer ganzen Ideologie machte. Menschen wurden in einem optimierten Prozess hingerichtet. Konzentrationslager wurden im Blickpunkt der Effektivität betrachtet. Menschen wurden nicht nur in eine zweite Klasse oder Unterschicht erniedrigt, sondern gleich als Dinge betrachtet, als Waren oder Ressource. Der Nationalsozialismus war die Abkehr von einer Gesellschaft hin zu einem unmenschlichen Existieren und ausrotten.

Hannah Arendt, eine Beobachterin des berühmten Eichmann Prozesses, schrieb aufgrund seiner Aussagen das Buch: Ein Bericht von der Banalität des Bösen. Ein Schock bei der Veröffentlichung stellt es doch auf den ersten Blick auch eine Relativierung des Holocausts dar. Allerdings beschrieb sie darin, wie entmenschlicht dieses System war, sodass Menschen, ansonsten anständige Bürger, in Konzentrationslagern auf einmal dazu fähig waren an der millionenfachen Vernichtung von Juden, Sinti, Roma, Homosexuellen und ideologischen Gegnern mitzuarbeiten. Sie führte aus, wieso ein Mann, der persönlich Züge für Konzentrationslager, Züge mit Menschen, die ihrem Tod entgegen fuhren, disponieren konnte und sich selbst keiner Schuld bewusst war, denn schließlich habe er nur Befehle verfolgt. Die Banalität bestand darin, dass ein Mord, eine systematische Vernichtung, in kleine Aufgaben zerlegt wurde, denen man sich widmen konnte und eine persönliche und menschliche Verantwortung ausblenden konnte.

Die Relativierung des Holocausts bewirkt eine Verharmlosung des Nationalsozialmus und des Rassismus. Je weiter der systematische Mord an Millionen Menschen aus dem kollektiven Gedächtnis verschwindet und damit die abgrundtiefste Ausprägung des Bösen, die wir je auf diesem Planeten erlebten , desto einfacher ist es Rassismus, Nationalismus und Hass weniger böse darzustellen. Die Relativierung oder gar Leugnung des Holocausts öffnen Rechtsextremen und Rassisten die Türen in die Mitte der Gesellschaft.

Außerdem geht es nicht um eine persönliche Schuld, es geht um die Verantwortung die wir als Deutsche tragen. Wir haben die Verantwortung das diese Katastrophe nie vergessen wird oder sich je wiederholt.

Das ist ein weiteres Problem, welches die oben genannten Aussagen verschärfen. Nicht im geringsten Maße geht es um eine klassische Schuld, wie man sie für gewöhnlich versteht. Die persönliche Verantwortung, die Erinnerung an die Schoah zu bewahren und gegen eine Wiederholung zu kämpfen, das ist etwas anderes als das Eingestehen einer persönlichen Schuld. Wir, als deutsches Volk, dürfen nicht zulassen, dass auch nur ein Schritt in diese Richtung geschieht und der erste Schritt ist, diese Verantwortung zu diskreditieren. Aus diesem Grund wäre es besser, man spräche von einer Verantwortung und nicht einer Schuld, denn man würde damit den Kritikern die Angriffspunkte nehmen und würde vielen Menschen klar machen, wieso das Tragen dieser Verantwortung so immens wichtig ist in unserer Gesellschaft.